Goldberg Variationen  

von   Jean-Claude BOUVERESSE

 
 

 

   

   Die GOLDBERG VARATIONEN verdanken ihre Entstehung einem besonderen Umstand: einer der großen Verehrer BACH’S, Graf KAISERLINCK, der russischer Botschafter am Hof von Sachsen war, litt unter Schlaflosigkeit. Bach komponierte für ihn ein Werk, das dazu geeignet war ohne Überdruss wieder und wieder gespielt zu werden. Das Gleichgewicht und die Gewandtheit der Architektur sollte dem Hörer Leichtigkeit und Erholung hervorrufen. Der begabte Cembaloschüler von Bach, der junge Johann Theophilus GOLDBERG war beauftragt, das Werk für den Grafen zu spielen. 

     Man findet in den GOLDBERG VARIATIONEN die Früchte der Arbeit, die BACH sein Leben lang in den verschiedenen Domänen der Musik für Tasteninstrumente erfüllt hat. Kanons, Fugen, Tanzelemente, Studien und Charakterstücke sind in einer monumentalen Komposition kombiniert mit einer seltenen Dichte; hier sind extreme Techniken, Kunstfertigkeit und kraftvolle Phantasie vereinigt.

    Das Werk umfasst die Aria, die als Thema dient und 30 Variationen über dieses Thema. Die Aria wird nach einer Serie der Variationen wiederholt, so dass sie auf diese Art einen Kreis schließt. BACH macht eine Zäsur nach der 15. Variation, die ein perfektes Gleichmass zwischen den zwei Teilen nach einem klaren Plan herstellt. Die meisten Variationen bestehen aus 16 + 16 Takten, außer vier von ihnen (Nummer 3, 9, 21,30) die 8 + 8 Takte zählen. Die Tonart G-Dur (die des Themas) und ihr harmonischer Plan ist in fast allen Variationen vertreten. Nur drei von ihnen ( Nummer 15, 21 und 25 ) stehen in G-Moll.

    BACH begnügt sich nicht mit diesen technischen Leistungen und dem wunderbaren musikalischen Material. Er fügt in das enge Gewebe der Variationen 9 Kanons, einen jede dritte Variation. In jedem Kanon ist das Intervall der Nachahmung um einen Ton erhöht: der erste Kanon steht im Einklang, der zweite in der Sekunde, der dritte in der Terz usw. bis zum neunten Kanon, der in der None steht, das heißt einen Ton höher als die Oktave. Die Kanons die in der Quarte und Quinte stehen (Nummer 12 und 15) sind nicht direkte Nachahmungen, sondern Umkehrungen, die die Wende zum

 

 

  

 

  

   Niemals fühlt man die von BACH entwickelte Wissenschaft, da der musikalische Reichtum und die Klarheit immer gegenwärtig sind. Zu keinem Zeitpunkt hat der Hörer das Gefühl, eine trockene oder schwierige Musik zu hören. Es ist zweifellos ein größeres Gelingen als in der Kunst der Fuge, deren Majestät sicher beeindruckend ist, aber wo die Strenge der Musik nicht immer zu verleugnen ist.

   Die zweite Hälfte der GOLDBERG VARIATIONEN wird mit einer "Ouvertüre à la Française" eingeleitet und ist somit die 16. Jede Variation des ersten Teils entspricht auf gleiche Art einer Variation des zweiten Teils: das "Gai und Vigoureux" der 4. Variation stimmt mit dem "Passe-Pied" der 19. überein, die "Gigue" der 7. Variation mit der "Alla breve" der 22., die Fuge der 10. Variation mit dem rührenden Adagio mit der raffinierten Chromatik der 25. Der Kanon in der Sekunde geschrieben steht im Einklang mit dem Kanon in der Septime, der Kanon in der Terz mit dem Kanon in der Oktave usw. Die Variationen 28 und 29 sind mit ihren Verzierungen und Trillern jeder Art von blendender Virtuosität. Nach diesem Angriff der technischen Meisterschaft bringt BACH eine unerwartete humorvolle Note in die letzte und 30. Variation: das schelmische Quodlibet. Das Wort, das auf lateinisch „was gefällt“ (quod libet) bedeutet, ist heutzutage gleichbedeutend mit „Scherz“ (quolibet). Im Barockzeitalter ist das Quodlibet eine freie Komposition, der man Klangnachahmungen, Freudenrufe und lustige Ausdrücke hinzufügen kann. BACH benutzte diese Freiheit wie die Scholastiker im Mittelalter, wenn sie eine „ quodliber­tische Frage “ aussuchten, das heißt, einen Streitsatz zu wählen. Er bemächtigt sich zwei alltäglichen Liedern: “Ich bin so lang nicht bei dir g’west“. und „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“ .Es ist eine Art uns zu sagen, wie sehr uns die Aria gefehlt hat und wie gut es tut, dass sie wiederkommt um das Werk zu beenden! BACH entschuldigt sich demütig für die „Kraut und Rüben„ die er während eineinhalb Stunden aufgetischt hat. An uns, arme Sterbliche zu entscheiden, was daran ist.

                                       Übersetzung: Cornelia REICH